Rückenwind
© Caritas Oberösterreich
Informationen zum Einreicher
Caritas Oberösterreich/Fachbereich Nothilfe und Zusammenleben/Abteilung Integration4020 Linz
„Rückenwind“ – Bildungslots*innen für Eltern mit Migrationsbiografien
Zielgruppe und Kontext
Das Projekt „Rückenwind“ – Bildungslots*innen richtet sich an Eltern mit Migrationsbiografien, insbesondere aus den serbischen, kroatischen, bosnischen, afghanischen, syrischen, iranischen, ukrainischen und rumänischen Communities. Im Fokus stehen Eltern, deren Erstsprache nicht Deutsch ist und die oft mit strukturellen oder informellen Barrieren im österreichischen Bildungssystem konfrontiert sind. Das Projekt wird in Kooperation mit Pflichtschulen im Großraum Linz umgesetzt.
Ausgangslage
Eltern mit Migrationshintergrund erleben im Kontakt mit österreichischen Schulen häufig vielfältige Hürden – nicht nur aufgrund sprachlicher Unterschiede, sondern auch durch ein mangelndes Verständnis für das Schulsystem, kulturelle Differenzen sowie fehlende Erfahrung im Umgang mit Bildungsinstitutionen.
Zwar bestehen bereits Unterstützungsangebote, jedoch zeigt sich laut einer Bedarfserhebung im Jahr 2020, dass der tatsächliche Bedarf an Unterstützung die derzeit vorhandenen Angebote übersteigt – sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht.
Zudem zeigt sich, dass viele Eltern mit Migrationsbiografien zögerlicher sind, in Konflikt- oder Problemfällen direkt das Gespräch mit Lehrpersonen zu suchen. Studien weisen darauf hin, dass dies unter anderem auf ein hierarchisches Verhältnis, fehlendes Vertrauen oder negative Erfahrungen im institutionellen Kontext zurückzuführen ist. Diese Zurückhaltung kann wiederum langfristig zu Missverständnissen, Schulferne oder Benachteiligungen in der Bildungslaufbahn der Kinder führen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt: Eltern mit Migrationsbiografien bringen anderen Personen mit ähnlicher Lebensrealität oft mehr Vertrauen entgegen, was eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Kommunikation und Zusammenarbeit ist.
Projektidee und Zielsetzung
Das Projekt „Rückenwind“ setzt genau hier an und schafft mit den „Rückenwind“-Bildungslots*innen eine neue, niederschwellige Brückenfunktion zwischen Eltern, Schule und Gesellschaft.
Die Kernidee ist die Ausbildung und der Einsatz von mehrsprachigen, community-nahen Bildungslots*innen, die:
- über die gleiche oder ähnliche Migrationsbiografie wie die Zielgruppe verfügen,
- die Sprache der Eltern sprechen,
- Vertrauen und Nähe aufbauen können und
- als Vermittler*innen in schulischen Kontexten agieren – ohne jedoch eine Mediationsfunktion im juristischen Sinne zu übernehmen.
- Ziel ist es, Vertrauen, Transparenz und Kommunikation zwischen Eltern und Schule zu stärken, Missverständnisse zu vermeiden, Bildungskarrieren positiv zu beeinflussen und strukturelle Bildungsungleichheiten abzubauen.
Ausbildung und Einsatz der Bildungslots*innen
Die „Rückenwind“-Lots*innen wurden in einem viermonatigen Ausbildungslehrgang (Oktober 2021 – Jänner 2022) auf ihre Tätigkeit vorbereitet. Die Ausbildung umfasste unter anderem:
- Kenntnisse des österreichischen Bildungssystems,
- Gesprächsführung und interkulturelle Kommunikation,
- rechtliche Grundlagen,
- Methoden der Elternarbeit,
- Reflexion der eigenen Rolle.
Im Anschluss wurden die Lots*innen von Februar 2022 bis Februar 2023 in einer Pilotphase aktiv. Ihre Aufgaben umfassen:
- Begleitung von Eltern zu Elterngesprächen oder Schulterminen,
- Schließen von Informationslücken zwischen Schule und Eltern (z. B. über Schulformen, Fördermöglichkeiten, Rechte und Pflichten),
- Unterstützung bei der Orientierung im Bildungssystem,
- Sensibilisierung beider Seiten für kulturelle Unterschiede,
- Aufklärung über Unterstützungsangebote und Anlaufstellen,
- Informations- und Präventionsarbeit in den Communities.
Die Bildungslots*innen arbeiten eng mit Schulen zusammen, sind aber in Erster Linie direkt für Eltern ansprechbar – ein bedeutender Unterschied zu manchen bestehenden Angeboten, die ausschließlich auf Anfrage der Schulen tätig werden.
Ab März 2023 sind die Bildungslots*innen an über 35 Schulen im Großraum Linz aktiv im Einsatz.
Besonderheiten des Projekts
Ein zentrales Merkmal von „Rückenwind“ ist die enge Einbindung migrantischer Selbstorganisationen in allen Phasen des Projekts – von der Konzeption über die Umsetzung bis hin zur Evaluation. Diese Organisationen sind wichtige gesellschaftliche Akteur*innen, die oft über tiefes Wissen, große Reichweite in den Communities und viel Erfahrung in der Elternarbeit verfügen, aber in institutionellen Prozessen oft unterrepräsentiert sind.
Durch die Kooperation mit der Caritas OÖ und migrantischen Selbstorganisationen entsteht ein praxisnahes, stark an den Bedürfnissen der Zielgruppe orientiertes Angebot. Eltern mit Migrationshintergrund werden nicht als Empfänger*innen, sondern als aktive Mitgestalter*innen und Expert*innen für ihre Lebensrealität ernst genommen. Dies stärkt nicht nur ihre Position, sondern fördert auch ihre Beteiligung und das Vertrauen in das Bildungssystem.
Abgrenzung und Ergänzung zu bestehenden Strukturen
Die „Rückenwind“-Bildungslots*innen sind keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung zu bestehenden Angeboten. Sie unterscheiden sich unter anderem durch:
- Niederschwelligen Zugang: direkte Ansprechbarkeit durch Eltern,
- Community-Nähe: stärkere soziale Vernetzung und Vertrauen,
- Flexibilität: kurzfristiger, unkomplizierter Einsatz möglich,
- Multiplikator*innenrolle: Wissenstransfer innerhalb der Communities,
- Bedarfsorientierung: keine schulzentrierte Aktivierung notwendig.
- Diese Unterschiede ermöglichen eine gezieltere und individuellere Unterstützung von Eltern mit Migrationshintergrund.
Ziele und erwartete Wirkungen
Das Projekt verfolgt mehrere Zielrichtungen, die sowohl individuelle als auch strukturelle Effekte anstreben:
- Stärkung der Schulpartnerschaft: Förderung einer gleichberechtigten, konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schüler*innen und Lehrer*innen.
- Abbau von Vorurteilen und Missverständnissen: auf allen Seiten, durch gezielte Kommunikation und Sensibilisierung.
- Förderung positiver Bildungskarrieren: insbesondere von Schüler*innen mit Migrationshintergrund.
- Know-how-Erweiterung: sowohl bei Eltern (Bildungssystem, Rechte, Förderungen etc.) als auch bei Schulen (Lebensrealitäten, Erwartungen, kulturelle Unterschiede).
- Nachhaltigkeit durch Evaluation: regelmäßige Reflexion, Anpassung und Weiterentwicklung des Projekts.
- Stärkung migrantischer Selbstorganisationen: Anerkennung ihrer Rolle und Expertise, Sichtbarmachung ihres gesellschaftlichen Beitrags.
Langfristig trägt „Rückenwind“ dazu bei, Bildungsgerechtigkeit zu fördern, gesellschaftliche Teilhabe zu stärken und das Vertrauen der Familien in öffentliche Institutionen auszubauen.
Das Projekt wird durch Mittel des Landes Oberösterreichs und der Stadt Linz finanziert.
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