Von den magischen Zwölf
Ab dem 25. Dezember steht jede Raunacht für einen Monat des kommenden Jahres 
Was liegt also näher, als diese zwölf Raunächte wohlüberlegt zu verbringen – mit Menschen, die einem ans Herz gewachsen sind, bei gutem Essen und Trinken, in der Umgebung, die man sich für das kommende Jahr wünscht. Dazu werden in diesen Nächten nicht nur Wahrsage-Orakel gemacht, sondern auch Räucherungen. Durch sie wird die Atmosphäre im Haus vom Alten
gereinigt und auf das Neue vorbereitet.
Am 28. Dezember ist der Tag der unschuldigen Kinder. Er erinnert an den biblischen Kindermord zu Bethlehem. In vorchristlicher Zeit ging eine alte Frau durchs Dorf und schaute nach Kindern, die in Not waren, um sie unter ihre Fittiche zu nehmen. Ein wenig davon hat sich im Brauchtum rund um die Frau Percht erhalten. Vor allem
aber ziehen am 28. Dezember in vielen Gegenden Kinder von Haus zu Haus. Sie »kitzeln« die Erwachsenen oder geben ihnen mit einer Haselrute einen Schlag auf den Hintern.
Dazu rufen sie:
»Frisch und gsund,
frisch und gsund,
das ganze Jahr
pumperlgsund
lang leben, gern geben!
Das Christkindl am Hochaltår
wünscht eich åll‘n
a schens neu‘s Joahr«
Die Erwachsenen bedanken sich dafür mit etwas Süßem oder ein paar Münzen. Dabei ist es für die Kinder meist schon die größte Freude, den Erwachsenen ungestraft eins auf den Hintern geben zu können.
Bambusseln
Genug zu essen hat mit einer guten Ernte zu tun. Das war den Menschen früher viel stärker bewusst als heute. Ein besonders schöner Brauch ist, in den Obstgarten zu gehen und den Bäumen ein gutes neues Jahr zu wünschen. Beliebt war und ist das »Bambusseln«. Dabei füllen sich vor allem Kinder den Mund mit süßem Koch, also Brei, oder Bauernkrapfen, gehen von Baum zu Baum und murmeln:
»Bam, Bam, i bussl di.
Werd‘ so voll wie mei‘ Mäu‘.«
(Baum, Baum, ich küsse dich, werde so voll wie mein Mund.) Wer küsst da nicht gerne - und lässt sich das süße Essen schmecken?
Ansonsten geht es in den Raunächten ganz schön wild zu. Viel Sagenhaftes spielt sich ab: Die Wilde Jagd zieht übers Land und Frau Percht geht um.
Frau Percht und ihre Kinder
Percht geht auf das althochdeutsche »peraht« zurück – neudeutsch »hell, glänzend«. Dabei erscheint die Frau Percht oft als wilde, alte Frau und seltener als strahlende Gestalt. Aus den Märchen ist sie uns auch als Frau Holle vertraut. In ihr lebt die germanische Göttin Frigg weiter. Sie ist die Göttin der Ehe und der Mutterschaft, aber auch die Hüterin des häuslichen Feuers. Der Schutz der ungeborenen Kinder und Säuglinge liegt ihr ganz besonders am Herzen. Als christianisierte Perchtmutter hütet sie die »unschuldigen« Kinder. Das sind Kinder, die gleich nach der Geburt ungetauft verstorben sind – die Namenlosen. Mit ihnen im Gefolge zieht sie in den Raunächten von Haus zu Haus und schaut nach, ob das Alte abgeschlossen und alles für das Neue bereit ist.
Vor allem in der Perchtnacht – vom 5. auf den 6. Jänner – ist es deshalb Brauch, für die Frau Percht und ihre Kinderlein einen Teller mit Semmelsuppe, Haferbrei oder auch ein Glas Bier auf den Tisch zu stellen. Denn wenn sie das Haus segnet, ist das Glück im neuen Jahreskreis gewiss.
Die Weisen aus dem Morgenland
Am 6. Jänner ist dann der Tag der Heiligen Drei Könige. Sie kommen in der Bibel im Matthäusevangelium nicht als »Könige« sondern als »Sternendeuter« und »Magier« vor. Dass »Weise aus dem Morgenland« einem Stern folgen, um das göttliche Kind aufzusuchen, faszinierte die Menschen derart, dass sich daraus blühende Legenden entwickelten und ein lebendiger Brauch. Durch die Jahrhunderte bekamen sie auch Namen – Caspar, Melchior und Balthasar.
Die Volksfrömmigkeit machte aus Dreikönig einen Heischebrauch, bei dem bedürftige Menschen von Haus zu Haus gingen. Oft waren sie orientalisch verkleidet oder trugen eine Krone am Kopf. Sie sangen Sternsinger- und Glückwunschlieder. Als Dank bekamen sie meist Schmalzgebackenes wie Bauernkrapfen.
Heute ist dieser Brauch in der Sternsinger-Aktion der Katholischen Jugend aufgegangen. In vielen Orten lebt die Tradition des Sternsingens aber auch unabhängig vom kirchlichen Ritual wieder auf.
Eine wesentliche Rolle hat dabei auch der Sternträger. An ihm liegt es, beim Gesang den Stern ständig zu drehen, damit das himmlische Licht in alle Winkel der Stube leuchtet.
BRAUCH-BARE TIPPS:
Vom Räuchern
Zum Räuchern braucht es eine Räucherpfanne, dazu etwas Glut aus dem Ofen oder Räucherkohle. Die wird erhitzt, bis sie rot glüht. Drauf kommt Räucherwerk wie Pech, also Harz, von der Fichte, Tanne oder Föhre, das ist der Waldweihrauch, und Tannennadeln. Mitunter wird auch Mistel und Rose dazugegeben. Natürlich passen auch Kräuter, für die man eine persönliche Vorliebe hat. Mit der rauchenden Pfanne wird durch das Haus gegangen. Manche beten dabei.
Ein bewährter Spruch ist:
»Unglück hinaus. Glück ins Haus.«
Er wird am Weg mit der Pfanne durchs Haus und drumherum aufgesagt.
Vom Störi-Anschneiden
Es ist eine besondere Ehre, wenn man eingeladen wird, eine Störi anzuschneiden. Den Anschnitt richtig zu machen, ist umso mehr eine besondere Kunst. Der Laib sollte so angeschnitten werden, dass er auf der Schnittfläche stehen kann. Das kleine Scherzerl vom Anschnitt sollte allerdings in eine Zündholz-Schachtel passen. Wie wenn das nicht schon schwierig genug wäre, sollte das kleine Scherzerl nach dem Anschneiden auch auf die auf der Schnittfläche stehende Störi gelegt werden – und nicht herunterfallen.
Darauf wird dann ein Stamperl Schnaps gestellt. Gelingt das, dann darf man sich zurecht Meisterin oder Meister des Störi-Anschneidens nennen. Gelingt es nicht, muss man dem Menschen, die oder der zum Störi-Anschneiden geladen hat, unterm Jahr vom Kirtag eine Aufmerksamkeit, eben einen »Kirtag« mitbringen.
Hüterl heben
Ein klassisches Raunacht-Orakel!
Neun Hüte werden dabei auf den Tisch gelegt, dazu ein Geldbeutel als Symbol für Reichtum, eine kleine Puppe für die Geburt eines Kindes oder ein neues Vorhaben, ein Apfel für Gesundheit, ein Bergkristall für Einsicht, ein Kamm oder eine kleine Haarbürste für lausige Zeiten, eine Brille für den Durchblick, ein Lebkuchen oder ein Keks für das süße Leben, ein Schlüssel für Türen, die sich öffnen, eine verknotete Schnur oder ein kleines Puzzle für verzwickte Angelegenheiten, die zu lösen sind.
Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Je persönlicher das Ganze gestaltet wird, desto besser.
Ein süßer Haferbrei...
...der schmeckt nicht nur Frau Percht!
- 3 Handvoll Haferflocken
- 10 g Butter
- ca. 1/2 l Milch
- 2 EL Honig
- 1 Prise Zimt
Die Haferflocken werden in der geschmolzenen Butter angeröstet bis sie zu duften beginnen. Mit der Milch ablöschen und immer wieder umrühren.
Langsam entsteht ein dicker Brei.
Jetzt Honig und Zimt dazu rühren und in eine Schüssel füllen.
Spätabends für die Frau Percht auf den Tisch stellen.
Löffel dazu. Fertig!
In der Früh wird gleich nach dem Haferbrei geschaut.
Steckt der eigene Löffel besonders tief im Brei, dann bedeutet das großes Glück im kommenden Jahr.
Und natürlich wird der Brei dann gemeinsam verspeist!
Aus dem Buch »Das Geschenk der zwölf Monate - Märchen, Bräuche und Rezepte im Jahreskreis«
Wer das Orakel befragen will, geht hinaus. Drinnen legen die anderen jetzt die Gegenstände unter die Hüte. Ein Hut bleibt leer für »Alles-ist-offen«! Danach werden die Hüte auf dem Tisch gemischt, also neu platziert.
Ist das geschehen, so heißt es »Herein!« mit der Orakel- Kandidatin oder dem Kandidaten. Jetzt gilt es, der spontanen Eingebung zu folgen und zu entscheiden:
Welcher Hut wird gehoben? Der Gegenstand, der darunter zum Vorschein kommt, zeigt an, was in der Luft liegt und im kommenden Jahr bestimmend sein wird im Leben.
Der Klarheit halber: Nie geht es dabei darum, in eine unabänderliche Zukunft zu schauen, sondern darum, den Blick für die eigene Entwicklung zu schärfen.